Lebensschule

Schule des Lebens (Romanauszug)
 

„Menschen brauchen hier nichts zu lernen“ stand auf dem Eingangsschild an der Schule des Lebens. – „Warum?“ fragte der Schiffsjunge erstaunt. „Weil die Menschen sehend geboren wurden“, erklärte ihm eine Stimme hinter der verschlossenen Tür. „Sie sollten nur vor Lehrern geschützt werden, die sie blind machen.“

Diese Antworte hatte er nicht erwartet. Dies muss eine besondere Schule sein, dachte er. Die Tür öffnete sich. Eine junge Frau begrüßte ihn. „Ich öffne dir die Tür zur Schule des Lebens, aber betreten musst du sie selbst.“


Ist dein Verstand leer?

Der Junge zögerte. So etwas hatte er in seinem Leben noch nicht erlebt: eine Schule, die man nur freiwillig kann. Er wurde skeptisch. „Kannst Du mir was lehren?“ fragte er. „Es kommt darauf an.“ – „Worauf?“

Die Lehrerin bat ihn vorsichtig ins Vorzimmer einzutreten. „Ich sehe, Du bist hier noch nicht wirklich mit Deinem Geist angekommen.“ Der Junge wusste nicht so recht, wie er dies verstehen sollte. Die Lehrerin überreichte ihm eine Tasse Tee. „Dein Verstand ist wie diese Tasse hier“ erklärte sie: „überfüllt mit Fragen. Selbst wenn ich dir Antworten geben würde, hätten sie gar keinen Platz mehr in deinem Kopf. Ein volles Gefäß kann ich nicht füllen. Erst wenn dein Geist leer ist, ist er bereit für Neues.“  „Was soll ich tun?“ fragte der Schiffsjunge neugierig. „Leere deine Tasse. Und betrete den Klassenraum erst, wenn Platz in dir ist. In der Schule des Lebens ist der Lehrer nur dann da, wenn der Schüler dafür bereit ist. 

 Der Junge schaute sich vorsichtig um. Was verbarg sich hinter dieser Schule des Lebens? Die Tür zum Klassenraum war ein wenig geöffnet. Sein Blick schweifte durch den kleine Türspalt auf die grüne Tafel, auf der eine Formel stand: „Teilen bedeutet nicht halbieren, sondern verdoppeln.“

„Dies ist eine besondere Schule“, sagte die Lehrerin. „In der gewöhnlichen Schule lernt man den Lebensunterhalt zu verdienen. In dieser Schule hier lernst du, was für ein erfülltes Leben wichtig sein kann.“